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Führung unter Druck: Wenn der Job dem Herzen schadet

    Verantwortung auf den Schultern – und im Brustkorb

    In der heutigen Arbeitswelt ist Führung weit mehr als die Koordination von Prozessen. Führung heißt: Entscheidungen treffen, Verantwortung tragen, Konflikte lösen – oft unter Zeitdruck und mit wenig Pause. Dabei bleibt ein entscheidender Aspekt oft unbeachtet: die körperliche und emotionale Belastung des Herzens.

    Denn unser Herz ist nicht nur ein biologischer Motor – es ist ein Sensor für unser inneres Gleichgewicht.

    Gerade in Führungspositionen, aber auch im mittleren Management oder in HR-Funktionen, ist die Verbindung zwischen emotionalem Druck und Herzgesundheit besonders relevant – und oft unterschätzt. Dieser Beitrag zeigt, warum das so ist, welche Risiken bestehen und wie gesunde Selbstführung auch das Herz schützt.

    Emotionen sind messbar – im Herzschlag

    Viele Menschen nehmen an, dass Gefühle primär „Kopfsache“ seien. Doch unser Körper – insbesondere unser Herz-Kreislauf-System – reagiert hochsensibel auf emotionale Reize.

    Beispiele aus dem Berufsalltag:

    • Vor einer wichtigen Präsentation: Herzklopfen, feuchte Hände
    • Nach einem Konflikt im Team: Enge in der Brust
    • Im Dauerstress: Schlaflosigkeit, hoher Puls, Gereiztheit

    All das ist keine Einbildung. Sondern ein Zusammenspiel von:

    • autonomem Nervensystem
    • Hormonausschüttung (Adrenalin, Cortisol)
    • vegetativer Regulation des Herzens

    Emotionale Belastung ist somit direkt im Herzschlag messbar – und kann sich, wenn sie dauerhaft anhält, gesundheitsschädigend auswirken.

    Was Studien zeigen: Emotionale Belastung gefährdet das Herz

    Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen den engen Zusammenhang zwischen psychischer Belastung – insbesondere chronischem Stress – und dem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

    Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen den engen Zusammenhang zwischen psychischer Belastung – insbesondere chronischem Stress – und dem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

    Aktuelle Forschung zeigt:

    • Chronischer Stress erhöht nachhaltig den Ruhepuls und den Blutdruck
      → Eine Übersicht von Foguet-Boreu et al. (2021) zeigt, dass psychosozialer Stress ein unabhängiger Risikofaktor für Bluthochdruck und kardiovaskuläre Erkrankungen ist*.
    • Emotionale Dauerbelastung fördert Herzrhythmusstörungen und senkt die Herzratenvariabilität (HRV)
      → Backé et al. (2012) zeigen in einer systematischen Übersichtsarbeit, dass arbeitsbedingter Stress die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen klar begünstigt – inklusive vegetativer Dysregulation**.
    • Menschen mit hoher Verantwortung – etwa Führungskräfte – zeigen häufiger Symptome wie Erschöpfung, Bluthochdruck und eine reduzierte Stressregulation
      → Diese Risikogruppe wird in mehreren Untersuchungen als besonders anfällig identifiziert, da dauerhafte Überlastung mit reduzierter Regeneration einhergeht (Backé et al., 2012)**.
    • Eine Multi-Kohortenstudie mit über 118.000 Teilnehmenden kommt zu dem Ergebnis, dass psychosozialer Stress das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um bis zu 40 % erhöht.
      → Santosa et al. (2021), JAMA Network Open***.

    👉 Besonders gefährdet: Menschen in Leitungsfunktionen, bei denen emotionale Selbstverleugnung („funktionieren müssen“) zum Berufsalltag gehört. Hier entsteht oft eine gefährliche Mischung aus ständiger Anspannung, fehlender Erholung und unterdrückter emotionaler Belastung – mit unmittelbaren Auswirkungen auf die Herzgesundheit.

    Das Herz als emotionales Organ

    Was passiert eigentlich physiologisch?

    Emotionen wie Angst, Wut, Überforderung oder Daueranspannung aktivieren den Sympathikus, den Teil des Nervensystems, der den Körper in Alarmbereitschaft versetzt. Das führt zu:

    • schnelleren Herzschlägen
    • höherem Blutdruck
    • Verengung der Blutgefäße
    • reduzierter Herzratenvariabilität (HRV)
    • Die Regeneration bleibt aus

    Diese Reaktionen sind kurzfristig kein Problem – sie helfen uns zu performen.
    Doch auf Dauer wird das Herz überfordert.

    Gleichzeitig fehlt oft die „Gegenseite“: Der Parasympathikus, der für Erholung sorgt, wird zu selten aktiviert – weil Pausen fehlen, weil Leistung zählt, weil „Durchhalten“ als Stärke gilt.

    Führung in Hochspannung – Belastung als Dauerzustand

    Gerade Führungskräfte bewegen sich in einem emotionalen Hochspannungsfeld:

    • Entscheidungen mit Tragweite
    • Konfliktmanagement
    • ständige Erreichbarkeit
    • kaum echte Erholung

    Das führt zu körperlichen Symptomen, die oft ignoriert oder bagatellisiert werden:

    SymptomBedeutung
    Chronischer hoher PulsStressreaktion, Herz unter Druck
    Erschöpfungvegetative Dysbalance
    Atemproblemepsychosomatisch, oft stressbedingt
    Herzstolpernhäufig stress- oder emotionsbedingt
    BluthochdruckRisiko für Herzinfarkt & Schlaganfall

    Die Folge: Versteckte Herzbelastung bei Menschen, die äußerlich „funktionieren“.

    Leadership beginnt beim eigenen Herzschlag

    Wer andere führen will, muss zuerst sich selbst regulieren können – körperlich wie emotional. Das bedeutet:

    • Stress frühzeitig erkennen
    • Emotionen nicht unterdrücken, sondern verstehen
    • körperliche Warnsignale ernst nehmen
    • Bewusst gegensteuern mit Pausen, Reflexion & Bewegung

    Ein gesunder Herzschlag ist ein Taktgeber für innere Klarheit, Souveränität und Entscheidungsstärke.
    👉 Führung aus dem Gleichgewicht wirkt sich immer auch auf das Team aus.

    Impulse für gesunde Führung & HR-Kultur

    Unternehmen, die ihre Führungskräfte stärken wollen, sollten Herzgesundheit ganzheitlich denken – nicht nur körperlich, sondern emotional-psychosozial.

    Für Führungskräfte:

    • Regelmäßige Bewegung in den Alltag integrieren (10 Min Spaziergang wirken Wunder)
    • Atemübungen vor wichtigen Meetings (z. B. 4-7-8-Methode)
    • Reflexionszeiten einplanen statt immer nur „Reaktion auf Input“
    • Sich selbst Erlaubnis geben, auch mal überfordert zu sein

    Für Unternehmen & HR:

    • Workshops zu emotionaler Selbstführung & Stresskompetenz
    • Pausenkultur fördern – auch bei Remote Work
    • Präventionsprogramme mit Fokus auf Herzgesundheit
    • Gesundheitliche Check-ups auch für psychische Belastung öffnen

    Ein Unternehmen profitiert langfristig von Menschen, die gesund führen – mit klarem Kopf und ruhigem Herz.

    Wenn nichts passiert: Was auf dem Spiel steht

    Bleibt emotionale Belastung unbemerkt oder wird ignoriert, drohen ernste Konsequenzen:

    • Burnout
    • psychosomatische Herzsymptome
    • echte Herzerkrankungen wie Vorhofflimmern, Bluthochdruck oder KHK
    • Leistungsabfall & emotionale Erschöpfung

    Der „innere Ausfall“ ist oft schwerer zu reparieren als jede Deadline.

    Was hilft? Kleine Schritte, große Wirkung

    Schon kleine Veränderungen können viel bewirken – wenn sie konsequent umgesetzt werden:

    Mini-GewohnheitWirkung auf Herz & Nervensystem
    3 bewusste Atemzüge vor jedem MeetingPulsregulation, Fokus
    Dankbarkeitstagebuch am Abendemotionale Resilienz, Entspannung
    10 Minuten offline nach FeierabendNervensystem beruhigen, HRV verbessern
    1 Gespräch pro Woche, das nichts mit Arbeit zu tun hatSoziale Verbundenheit, Oxytocin-Ausschüttung

    Führungskräfte, die sich um ihr Herz kümmern, senden ein starkes Signal:
    Gesundheit ist kein Privatvergnügen – sondern Führungskultur.

    Fazit: Führen mit Herz ist kein Gefühl – sondern eine Haltung

    Der Herzschlag einer Führungskraft wirkt weiter, als man denkt.
    Er schlägt durch in Entscheidungen, in Kommunikation, in das Miteinander im Team.

    Wer gut führen will, braucht ein stabiles Herz – nicht nur medizinisch, sondern auch emotional.
    Ein achtsamer Umgang mit der eigenen Belastung ist kein Luxus.
    Es ist eine Voraussetzung für nachhaltigen Erfolg – menschlich und wirtschaftlich.


    * PMID: 34170840 – Public Health Reviews
    ** DOI: 10.1007/s00420-011-0643-6 – International Archives of Occupational and Environmental Health
    *** DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2021.28777